Kapitel 10 - Verblüffende Ähnlichkeit


Sonntag, 12. April 2015

 

„Nein, ich will nicht“, murmelte Rin im Halbschlaf vor sich hin, als sie ein sanftes Rütteln verspürte. Dieses jedoch lies nicht nach, weshalb sie sich umdrehte und unter der Decke verkroch: „Geh weg, Saito.“ „Es ist schon Nachmittag. Du solltest langsam mal aufstehen“, erklang eine Stimme.

Nur wem gehörte sie? Es war nicht die ihres Bruders, aber dennoch kam sie ihr vertraut vor.

Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte in den mittlerweile hell erleuchteten Raum: „Wo bin ich?“ „Na, im Wohnheim“, kam prompt eine Antwort und das Mädchen erblickte Skye neben sich im Bett sitzen.

Langsam rappelte sie sich auf und versuchte erstmal einen klaren Gedanken zu fassen. Sie war sich nicht mehr sicher wie sie gestern ins Wohnheim zurückgekommen oder was generell noch geschehen war. Als sie jedoch an sich heruntersah, stellte sie fest, dass sie nicht viel verpasst haben konnte, denn sie trug noch immer dieselben Sachen wie am Abend zuvor.

„Hab ich etwa mit den dreckigen Klamotten geschlafen? Was ist denn gestern noch passiert?“, rieb sich die Blauhaarige angestrengt den Kopf. Der kleine Mann klärte sie daraufhin auf: „Du bist gestern wie von der Tarantel gestochen ins Wohnheim zurückgerannt, direkt ins Bett gefallen und hast im selben Augenblick schon wie ein Stein geschlafen.“ „Also ist eigentlich nichts passiert?“, legte die Oberschülerin den Kopf schief. „Kann man so sagen“, bestätigte der Schwarz-Blauhaarige, „Allerdings warst du mal wieder kurzzeitig vom anderen Geschlecht. Bist du deswegen so schnell weggelaufen?“

Jetzt, da er es erwähnte, erinnerte sie sich wieder daran. Erneut wurde sie zum Jungen. Und wieder direkt nachdem sie das Portal zurück in ihre Welt passierte. Ob das wohl miteinander zusammenhing? Außerdem schien sie nun wieder ihren gewohnten Körper zurückzuhaben, was wohl jedes Mal einfach über Nacht geschah.

Noch kurz grübelte sie im Stillen vor sich hin, als sie schließlich wieder zu ihrem kleinen Gast herübersah: „Sag mal, was machst du eigentlich hier? Und wie bist du überhaupt reingekommen?“ „Das Fenster war gekippt“, kam nur eine kurze Antwort.

Vermutlich war er in seiner Vogelgestalt hindurchgeflogen und so in das Zimmer gelangt. Die Blauhaarige beließ es aber dabei, da der Junge sie eher weniger störte und verschwand erstmal im Bad. Zuerst musste sie den Schmutz von sich abbekommen und duschen. Zwar hatte sie so absolut keine Lust auf das von oben herunterregnende Wasser, doch das war trotz allem besser als dreckig zu bleiben.

Es dauerte nur kurz bis sie mit umgebundenem Badetuch wieder zurück in den Schlaf- und Wohnraum kam. Mit einem weiteren Handtuch rubbelte sie flüchtig ihre Haare ein wenig trocken und suchte derweil in ihrem Koffer nach ein paar frischen Kleidungsstücken.

Skye, welcher noch immer da war, ignorierte die leicht bekleidete Oberschülerin und war total gebannt auf seine Handheldkonsole versteift.

„Findest du es nicht auch eigenartig, dass in dieser Welt keine Zeit vergangen war, obwohl wir stundenlang auf der anderen Portalseite waren?“, zog das Mädchen ein schwarzes Top heraus. „Nein, eigentlich nicht“, wandte der Schwarz-Blauhaarige nicht eine Sekunde seinen Blick vom Bildschirm ab, „Mittlerweile finde ich gar nichts mehr eigenartig. Du etwa?“ Kurz dachte sie über seine Worte nach: „Irgendwie hast du da wohl Recht.“

 

Im Laufe des Tages machte sich Rin nochmals auf den Weg nach Hause, um mit Saito den benötigten Papierkram durchzugehen und um ihre restlichen Sachen zu holen. Zum Beispiel hatte sie beim ersten Mal ihre Lacrosse Ausrüstung nicht mitnehmen können oder andere Gebrauchsgegenstände sowie noch ein paar weitere Kleidungsstücke, die noch in die Lücken passten. Außerdem hatte sie nur den einen Koffer und musste diesen ja erstmal leeren, um weitere ihrer Sachen holen zu können.

„Rin, warte“, wurde sie an der Haustür von ihrem großen Bruder aufgehalten. „Was ist denn, Saito?“, drehte sie sich zu ihm herum und bekam im selben Moment eine in Grautönen gehaltene Schildkappe mit den Worten „für dich“ auf den Kopf gesetzt.

Etwas verwirrt sah die Blauhaarige nach oben und nahm das gute Stück daraufhin wieder ab, um es genauer zu begutachten. Auf der Unterseite des Schildes war ein großes LP gestickt und auch oben auf der Kappe zierten diese Initialen. Man konnte richtig erkennen wie aus den perplexen Gesichtszügen des Mädchens plötzlich ein aufhellendes strahlendes Lächeln wurde.

„Oh mein Gott“, fiel Rin dem Blonden daraufhin um den Hals, „Du bist der beste Bruder den ich je hatte! Danke!“ „Nicht, dass du jemals noch einen hattest“, lachte nun auch der Ältere, „Aber als ich sie gesehen habe, musste ich sie dir einfach kaufen. Wo du diese Band doch so gerne hast.“ „Ja, ich liebe sie. Linkin Park ist die beste Band der Welt“, hüpfte sie aufgeregt herum und quiekte dabei.

Nachdem sie ihren Freudentanz endlich beendete, sah sie ihren Bruder allerdings mit besorgter Miene an: „Aber die war bestimmt total teuer, oder?“ „Blödsinn. Das ist doch nur eine Kappe“, winkte er ab.

Erleichtert darüber, dass der Blonde kein Vermögen dafür ausgegeben hatte, atmete sie auf.

Nach Kurzem verabschiedete sie sich daraufhin wieder, um zurück zum Wohnheim zu gehen. In Saitos Blick sah man dabei deutlich, dass er nicht unbedingt glücklich darüber war, dass sie von nun an nur noch selten zu Hause sein würde. Immerhin kannte er seine Schwester ziemlich gut und fand seine Sorge um den kleinen Tollpatsch berechtigt. Aber es half ja nichts, denn schließlich konnte er sie nicht festbinden.

 

Im Laufe des Abends versuchte die Blauhaarige noch einige Male Akira telefonisch zu erreichen. Dies blieb allerdings erfolglos. Sie wollte unbedingt durch das Portal zurück, um Amika schnellstmöglich zu retten. Es wühlte sie innerlich wahnsinnig auf, dass sie im Moment nichts ausrichten konnte. Dabei rannte ihr doch die Zeit davon.

Auch diverse Ideen um Kuro aufzuspüren schlugen fehl. In der Schule war er nicht vorzufinden und an die Villa der Suzukis kam sie nicht mal ansatzweise heran, da überall Sicherheitspersonal lauerte.

Natürlich zog sie es auch schon in Erwägung einfach alleine zu gehen, aber Skye hielt sie mehrfach davon ab.

„Was soll ich denn bloß machen?“, fiel sie entmutigt mit dem Rücken in ihr Bett und starrte an die Decke. „Schulvorbereitungen?“, hockte der Schwarz-Blauhaarige direkt neben dem Mädchen im Schneidersitz im Bett und war erneut mit seinem Videospiel beschäftigt. „Quatsch. Ich meine wegen Ami“, setzte sie sich wieder auf, „Jetzt sitze ich hier untätig herum und warte.“ Unbeeindruckt zuckte der Kleine mit den Achseln, wandte jedoch seinen Blick nicht einmal von der Konsole ab: „Ich sag ja: Schulvorbereitungen. Oder hast du bereits alles für Morgen zusammengepackt?“

Erst jetzt realisierte sie, dass der kleine Mann Recht hatte. Bislang hatte sie nämlich noch rein gar nichts für den morgigen ersten Schultag getan. Leicht genervt rutschte sie vom Bett herunter und begann damit ihre sieben Sachen zusammenzusuchen und für morgen alles griffbereit hinzustellen.

Nachdem die Oberschülerin fertig war, bemerkte sie, dass sie eine SMS bekommen hatte. Erstaunt öffnete sie sie und stellte fest, dass sich Akira endlich gemeldet hatte. Er entschuldigte sich dafür, dass er nicht ans Handy gehen konnte, da er auf der Arbeit war.

Zwar war es gut zu wissen wieso der Rothaarige nicht ans Telefon ging, allerdings brachte das Rin auch nicht weiter. Mittlerweile war es nun schon zu spät geworden, um nochmal einen Fuß vor die Tür zu setzen. So beschlossen sie einfach das Ganze auf den morgigen Tag zu verschieben.

Herzhaft gähnte die Blauhaarige und streckte sich: „Ich glaub ich gehe so langsam mal ins Bett. Wann willst du eigentlich endlich nach Hause gehen, Skye?“ „Ich habe kein zu Hause“, sah er ausnahmsweise mal von seinem Gerät auf, „Deswegen bleibe ich ab jetzt hier.“

Ein äußerst irritierter Blick traf den Jungen. Die Oberschülerin wusste kurzzeitig absolut nicht was sie zu seinem plötzlichen Beschluss sagen sollte. Wenn er kein zu Hause hatte, wo wohnte er dann bisher? Und wieso um Himmelswillen wollte er so plötzlich bei der Oberschülerin im Wohnheim wohnen? Warum nicht bei jemand anderem? Außerdem glaubte sie nicht, dass es erlaubt war, dass ein kleiner Junge bei ihr im Zimmer wohnte. Zumal auch gar kein Bett für ihn bereitstand.

So unglaublich viele Fragen stauten sich in ihrem Kopf, wodurch sie gar nicht mehr wusste was sie zuerst sagen sollte: „Was? Warum bist du…? Wo hast du…? Wie soll das…?“ „Beendest du auch noch einen deiner Sätze?“, hatte ihr selbsternannter neuer Mitbewohner seine Aufmerksamkeit bereits wieder seinem Videospiel geschenkt. „Ich verstehe nicht wieso du hier einziehen willst?“, ordnete die Blauhaarige ihre Gedanken wieder, „Zieh doch bei Kuro ein. Der hat zu hundert Prozent noch etliche Gästezimmer. Hier ist doch gar kein weiteres Bett mehr. Und abgesehen davon bekomme ich sicherlich Ärger, wenn herauskommt, dass du hier wohnst. Wo hast du denn bisher gewohnt? Geh doch dahin zurück.“ „Ich kann im Moment nicht zurück“, fiel seine Antwort kurz aus. „Ich meine ja auch nicht zurück auf deinen Heimatplaneten“, erklärte sich das Mädchen, „Nur dorthin zurück, wo du in letzter Zeit gewohnt hast.“ Verdattert sah der Kleine erneut von seinem Gerät auf: „Heimatplaneten? Hast du immer noch nicht verstanden, dass das ein Witz war?“ „Ein Witz?“, legte Rin den Kopf schief. Genervt klatschte sich Skye die Hand ins Gesicht: „Du bist wirklich unglaublich. Aber so oder so habe ich keine Bleibe. Außerdem bist du die Besitzerin des Portalschlüssels und ich der Portalwächter. Ist doch klar, dass wir dann auch zusammenbleiben müssen.“ „Nichts ist da klar. Warum bist du plötzlich kein Außerirdischer mehr? Und den doofen Schlüssel kannst du gerne haben“, hielt sie ihm den Schlüsselbund hin, „Hier. Und dann geh woanders hin. Versuchs mal bei Kuro.“ Sichtlich verzog der Schwarz-Blauhaarige das Gesicht: „Will ich aber nicht.“ „Wieso das denn jetzt?“, verlor die Oberschülerin langsam ihre Geduld. „Würdest du freiwillig bei solch einer gemeinen Person wohnen wollen? Mir gefällt es nicht wie er mit dir umgeht. Dabei dachte ich immer er sei ein netter Mensch“, schmollte der Kleine deutlich erkennbar. Erstaunt musterte die Blauhaarige ihn: „Er geht doch mit fast allen so um und benimmt sich wie ein riesen Arsch. Das sind eben diese reichen Volldeppen, die denken sie dürften sich alles erlauben.“

Liebevoll tätschelte sie dem Schmollenden den Kopf: „Mach dir nichts draus. Solche Menschen kann man leider nicht ändern, ich verstehe dich da voll und ganz. Wenn du willst kannst du ausnahmsweise vorerst gerne hierbleiben. Aber das ist dennoch keine Lösung.“ „Ehrlich?“, begannen seine Augen förmlich zu funkeln. „Ja, ehrlich“, bestätigte sie nochmal, „Ich weiß nur noch nicht wo du schlafen sollst. Hier steht ja nur ein Bett.“ „Das macht doch nichts. In dieses Monstrum vom Bett passen wir auch beide rein“, kroch er schlagartig unter die Decke und schien es todernst zu meinen.

Wortlos starrte Rin ihn daraufhin an und schien nachzudenken. Konnte sie wirklich einfach so mit einem Jungen ein Bett teilen? Andererseits war er ja noch klein und es war tatsächlich genug Platz vorhanden. Was sollte also passieren?

Noch einmal schnaubte sie hörbar, ehe sie sich geschlagen gab und ebenfalls unter die Decke kroch.

 

Montag, 13. April 2015

 

Als Rin am nächsten Morgen endlich von den Toten auferstand und sich ins Erdgeschoss zum Speisesaal begab, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Sie stand plötzlich inmitten eines überdimensionalen Raumes, in dessen Zentrum ein gewaltiges Büffet aufgebaut war. Hinter diesem zauberten sogar noch einige Köche frische individuelle Speisen für die Schüler. Am Rande des Raumes standen ringsherum etliche Tische und Stühle, welche ebenso nobel wirkten wie das zuvor erblickte Büffet.

Etwas fehl am Platz blieb die Oberschülerin wie angewurzelt mit offenem Mund im Eingangsbereich stehen. Sie wusste gar nicht, ob sie hier überhaupt reindurfte als einfacher Bürger. Jedoch schüttelte sie dann selbstbewusst den Kopf: „Quatsch. Ich bin genauso eine Schülerin, wie die anderen.“

Da alle Schüler ihre Uniformen trugen und doch recht normal wirkten, stach die Blauhaarige optisch so gut wie nicht heraus. Erst als sie orientierungslos mit zittrigen Beinen und ihrem leeren Teller dastand, zog sie einige wenige Blicke auf sich. Sie musste wohl sehr merkwürdig und unsicher herübergekommen sein. Mit mulmigem Gefühl in der Magengegend häufte sie sich einfach irgendwas auf den Teller, um schnellstmöglich aus dem Rampenlicht zu verschwinden.

Als sie endlich an einem abgeschiedenen Tisch platznahm atmete sie schwermütig aus und begutachtete erstmal ihr blindlinks aufgetanes Essen.

„Verdammt“, dachte sie im Stillen, „Sind das da drin Meeresfrüchte?“

Sie war doch gegen die meisten davon allergisch. Wie sollte sie das denn jetzt essen? Es wegzukippen würde sicherlich ziemlich eigenartig aussehen.

Noch eine Weile stocherte sie mit den Stäbchen in ihrem Essen herum, ehe sich neben ihr plötzlich jemand räusperte und stehen blieb. Blitzartig sah die Blauhaarige auf und schaute in das hellblaue Augenpaar einer Schülerin.

„Oh, du bist es“, kam es Rin über die Lippen. „Ist alles in Ordnung?“, hakte die neu Hinzugekommene vorsichtig nach, „Du bist doch Aikawa-chan, oder? Gehst du jetzt auch auf die Suzuki Akademie?“ „Ja, die bin ich. Ich hab mein Sportstipendium zurückbekommen und gehe ab heute auch zur Akademie“, kratzte sie sich verlegen am Hinterkopf.

Dabei überlegte sie krampfhaft, wer diese eisblauhaarige Schönheit war, welche soeben mit ihr sprach. Sie war sich ziemlich sicher ihr bereits begegnet zu sein, allerdings konnte sie sich nichtmehr daran erinnern wer sie war geschweige denn wo sie sich schon mal über den Weg gelaufen waren.

„Willst du dich setzen?“, bot die Oberschülerin der Anderen den freien Platz ihr gegenüber an. „Gerne. Vielen Dank“, erschallte die sanfte Stimme des Mädchens, welches sich soeben hinsetzte, „Und wieso isst du nun nichts?“

Kurz zuckte die Blauhaarige zusammen und stammelte dann: „Ähm… ich… also… Allergie gegen Meeresfrüchte.“ Sichtbar verdutzt blickte die Unbekannt zu ihr herüber: „Wieso holst du dir denn dann so etwas?“ „Na ja, ich war total überwältigt von diesem krassen Zeug hier, dass ich gar nicht darauf geachtet habe was ich mir genommen habe“, grinste sie schief.

Leicht musste ihr Gegenüber kichern und bot ihr dann Hilfe an: „Willst du tauschen? Ich habe nur Gemüsereis.“

Rins strahlende Augen waren daraufhin wohl Antwort genug und die beiden tauschten ihre Gerichte.

„Soll ich dich später ein wenig auf dem Schulcampus herumführen? Du kennst dich ja sicherlich noch nicht so gut aus, oder?“, bot sie der Neuen ihre Hilfe an.

Dankend nahm sie diese sofort an und freute sich innerlich ein wenig, dass sie bereits eine so nette Bekanntschaft schließen konnte.

Nachdem die beiden Mädels aufgegessen hatten, verabschiedete sich die Eisblauhaarige auch schon wieder: „Ich muss dann auch los. Im Schülerrat ist noch etwas Arbeit liegengeblieben, die ich noch vor dem Unterricht beenden muss.“

Mit einem verständnisvollen Nicken verabschiedete sie ihre Lebensretterin und grübelte noch einige Sekunden, ehe es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. Das war Ruri Miuna, mit welcher sie soeben gefrühstückt hatte. Einige Tage zuvor traf sie sie bereits im Schülerratszimmer an, als sie Kuro suchte.

Bevor die Blauhaarige dann auch den Speisesaal verließ, schnappte sie sich im Vorbeigehen noch zwei abgepackte Lunchpakete, welche sie zuvor vom Tisch aus gesehen hatte. Eines für die Schule, das andere für Skye, welcher sicherlich schon am Verhungern war.

Als sie zurück in ihr Zimmer kam stellte sie dem kleinen Mann sein Essen bereit und schnappte sich ihre Tasche. Noch einmal sah sie zurück ins Bett, wo der Schwarz-Blauhaarige immer noch tief und fest schlief und durch nichts aufzuwachen schien. Rin musste kurz schmunzeln, denn das erinnerte sie an sich selbst. Ein Wunder, dass sie heute nicht verschlafen hatte und frühzeitig fertig war.

 

Endlich im Lehrerzimmer angekommen, meldete sich die Blauhaarige an und wurde im Anschluss von ihrem Klassenlehrer, Herr Nishima, mit zu ihrer neuen Klasse genommen. Es war ein recht junger Lehrer mit dunkelbraunen, gut durchgestuften schulterlangen Haaren. Sie schätzte ihn auf Anfang 30. Wie die Oberschülerin kurz darauf am Schild über der Klassenzimmertür erkennen konnte, handelte es sich bei ihrer neuen Schulklasse um die 2C.

Nach einer kurzen Ansprache des Lehrers durfte sie schließlich eintreten und stellte sich nervös vor: „H-Hallo, ich bin Rin Aikawa und ab heute auch auf dieser Schule. Auf ein gutes Miteinander.“

Daraufhin verbeugte sie sich nochmal förmlich und ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. Erstaunt blickte sie dabei in ein ihr bekanntes Gesicht, welches sie lieb anlächelte. Es war Ruri, die sich soeben zu freuen schien, dass die Blauhaarige in ihre Klasse gekommen war. Doch leider war in ihrer Nähe kein Platz mehr frei, wie die Oberschülerin schnell feststellte. Lediglich in der letzten Reihe waren noch drei Tische nebeneinander frei, wovon ihr der an der Fensterseite zugewiesen wurde.

Unvorbereitet folgte sie schließlich dem Unterricht und versuchte zu verstehen um was es ging. Da sie allerdings sowieso schon keine gute Schülerin war, gestaltete sich das als schwieriger als gedacht.

Umso erleichterter war sie, als es endlich zur Pause läutete und sie ein wenig abschalten konnte. Jedoch war auch das keine Entspannung für das Mädchen, weil sie plötzlich von mehreren ihrer neuen Mitschüler belagert wurde, die ihr unzählige Fragen stellten.

„Wieso bist du denn erst jetzt an unsere Schule gewechselt?“, fragte eine ihrer Klassenkameraden. Ein anderer junger Mann war ebenfalls sehr neugierig: „Wo warst du denn vorher?“ „Was machen deine Eltern denn beruflich?“, hörte die Fragerei nicht auf.

Als die Blauhaarige dann endlich mal zu Wort kam, erklärte sie ihren neuen Mitschülern was immer sie wissen wollten: „Ich kommen eben erst von einem Auslandsjahr wieder. Da ich zwischenzeitlich mein Stipendium verloren hatte, war ich die erste Woche auf der Aehara Highschool. Aber nun habe ich es wieder und kann hier sein.“ Kurz überlegte Rin noch wie sie erklären sollte was ihr Vater arbeitete: „Mein Vater ist eine Art Wissenschaftler.“

Man konnte gut erkennen wie die Gesichtszüge der anderen Oberschüler etwas entgleisten, als sie ihr zuhörten. Eine der Schülerinnen hakte aus Neugier aber dennoch mit kritischem Blick nach: „Eine Art Wissenschaftler? Also kein richtiger oder wie? Und was erforscht er so?“

So langsam realisierte das Mädchen, dass die Klasse scheinbar nicht sehr begeistert von ihren Erzählungen war und versuchte sich irgendwie herauszureden. Blöderweise war das schwieriger als gedacht, denn sie hatte keinerlei Möglichkeiten mit irgendetwas anzugeben: „Ähm… also… Mein Vater arbeitet sehr hart und konnte schon den einen oder anderen Erfolg verbuchen. Er ist wirklich gut in seinem Job.“ „Klingt aber nicht so, als hätte er schon einen Durchbruch oder sowas gehabt“, legte eine andere Schülerin den Kopf schief. „Na ja…“, wurde die Neue immer weiter in die Ecke gedrängt und wusste sich nicht zu helfen.

Natürlich kam dann auch irgendwann die Frage auf ihre Mutter. Allerdings gab die Stipendiatin darauf keine Antwort und schwieg ihre neuen Mitschüler mit leicht bedrückter Miene an.

Das Thema wurde allerdings auch schnell wieder abgehakt, weil einer ihrer neuen Klassenkameraden es ziemlich plötzlich wechselte: „Bist du eigentlich Ruri Miunas Schwester? Ihr seht euch echt verdammt ähnlich.“ „Ja stimmt, jetzt wo du es sagst“, raunte es durch den halben Raum und viele erwartungsvolle Augenpaare durchlöcherten die Neue.

„Ähm… Was?“, hatte sie diese Frage so gar nicht erwartet, „N-Nein? Ich kannte Miuna-chan bis vor kurzem nicht mal.“ „Vielleicht bist du ihr verschollener Zwilling?“, ertönte es aus dem Schülerhaufen.

Was zum Teufel war mit der Fantasie ihrer neuen Klasse verkehrt? Hatten die zu viele Dramaserien gesehen?

„Wann hast du Geburtstag, Aikawa-chan?“, fragte einer der Jungs vor ihr. „Am 1. Juli. Aber das ist Schwachsinn, dass wir verwandt sind“, fügte Rin hinzu. Auch die Eisblauhaarige wurde daraufhin nach ihrem Geburtsdatum gefragt: „Wir können gar keine Schwestern oder so sein. Ich wurde am 8. Juli geboren. Außerdem können sich unsere Familien gar nicht kennen, da der Firmensitz meiner Eltern in einer ganz anderen Stadt ist.“

Kurz ertönten die wildesten Ideen darüber, dass die beiden Mädchen doch noch auf irgendeine Weise verwandt sein könnten. Jedoch wurden diese schnell wieder verworfen, weil die Schüler selbst schon bemerkten, dass es völlig absurd klang. Immerhin ist man nicht gleich verwandt nur weil man sich etwas ähnlichsah. Das musste wohl einfach an den Haaren und Augen liegen, denn sie wiesen dieselben Farben auf. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass Ruris im Gesamten heller waren.

Es dauerte nicht lange, bis die Schülerschar schließlich gelangweilt von den Mädchen abließ und von dannen zog.

 

Als endlich die lang ersehnte Mittagspause heranbrach, zeigte Ruri der neuen Schülerin ein wenig den Campus und erklärte wo sie welche Räume und Einrichtungen finden würde. Auch auf dem Sportplatz kamen sie vorbei und natürlich stoppte Rin beim Mädchen Lacrosse Team und sah ihren neuen Teammitgliedern beim Trainieren zu. Man konnte richtig die Begeisterung in ihren blauen Augen sehen, die wohl auch einem der trainierenden Mädels auffiel. Sie hatte schwarze kurze Haare, welche zu einem seitlichen Zopf hochgebunden waren und kam schnurstracks auf die beiden Blauhaarigen zu. Direkt sprach sie den Neuzugang an: „Bist du neu hier? Ich habe dich noch nie gesehen.“ „Ja, ich bin seit heute an dieser Schule dank meines Sportstipendiums“, beantwortete sie die Frage. „Oh“, kam es erstaunt aus der Lacrosse Spielerin, „Für welche Sportart hast du denn ein Stipendium bekommen?“ „Für diese hier“, deutete die Oberschülerin auf die trainierende Mannschaft. Etwas überrascht blickte ihr Gegenüber drein: „Das ist ja merkwürdig. Es liegt gar keine neue Anmeldung vor. Wie heißt du denn?“ Die Stipendiatin legte den Kopf schief: „Ich bin Rin Aikawa. Heißt das, ich muss mir einen Anmeldebogen organisieren und den ausfüllen?“ „Schön dich kennenzulernen“, schüttelte sie ihr die Hand, „Mein Name ist übrigens Mikiko Sachihara. Ich bin die Kapitänin des Mädchen Teams. Und wenn du hier mitmachen willst, dann müsstest du dich wirklich erstmal anmelden.“

Verstehend nickte die Blauhaarige, ehe sie sich wieder verabschiedete.

„Ich nehme an, dass du dich sofort anmelden willst, oder?“, hakte die Eisblauhaarige nach, „Wobei ich wirklich nicht verstehe, warum das nicht automatisch passiert ist. Immerhin hast du doch deswegen erst das Stipendium bekommen, oder?“ „Das verstehe ich auch nicht, aber Recht hast du, denn ich will mich am besten sofort anmelden“, winkelte sie voller Tatendrang ihre Arme an und ballte die Fäuste.

Ruri kicherte leicht auf und gab ihr daraufhin im Schülerratszimmer eines der Anmeldeformulare, welches die Oberschülerin direkt ausfüllte.

„Ich werde dann sofort alles in die Wege leiten“, nahm sie das ausgefüllte Papier an sich. „Was bin ich froh, dass ich dich kennengelernt habe und du auch noch im Schülerrat bist“, atmete Rin laut auf.

Wieder musste die Eisblauhaarige ein wenig Schmunzeln und schien froh, dass sie eine Hilfe sein konnte.

„Aber mal was anderes: Findest du, dass wir uns ähnlich sehen?“, legte die Stipendiatin den Kopf schief. „Also, wenn ich ehrlich bin, dann haben wir schon eine gewisse Ähnlichkeit was das Aussehen betrifft“, setzte die Eisblauhaarige an, „Unsere Haare sind sich ähnlich. Deine sind nur dunkler. Ebenso die Augenfarbe.“ „Das ist zwar wahr, aber verwandt sind wir dennoch nicht, oder? Ich habe noch nie irgendetwas von irgendwelchen Miunas gehört“, gestikulierte die Neue wild. Ihr Gegenüber nickte: „Da hast du Recht. Meine Familie und die Miuna Group sind in einer anderen Stadt ansässig. Nur ich bin hier. Außerdem haben wir beide unseren eigenen Stammbaum, oder?“ „Ja, in meinem Stammbaum habe ich noch nie von dir gehört“, kam es von der Oberschülerin, „Außerdem sind meine Großeltern alle schon gestorben und Onkel oder Tanten habe ich gar keine. Du könntest nicht mal eine Cousine oder sowas sein.“ „Ich glaub unsere Klassenkameraden haben einfach zu wilde Fantasien“, kicherte Ruri amüsiert. „Wem sagst du das?“, musste auch die Blauhaarige lachen.

Daraufhin aßen die beiden Mädchen noch schnell ihre Bentos auf, ehe es wieder klingelte und der Unterricht weiterging.

 

In der letzten Schulstunde hatten sie erneut ihren Klassenlehrer Herrn Nishima, welcher verkündete, dass nun der Klassensprecher gewählt werden sollte.

Es erstaunte Rin zwar, dass dies noch nicht geschehen war, andererseits brauchte sie das eigentlich gar nicht zu wundern, denn selbst in ihrer vorherigen Klasse an der Aehara High war dies noch nicht geschehen. Immerhin musste man doch erstmal ein Bild von seinen Mitschülern bekommen, bevor man jemanden auswählen konnte.

Eines der Mädchen meldete sich auf die Worte des Lehrers sofort und rief herein: „Nehmen wir doch einfach Miuna-chan. Sie ist zuverlässig und hat den Job schon in der Vergangenheit erfolgreich ausgeführt.“

Ein allgemeines Raunen erfüllte den Raum und Rin konnte nur Zustimmung aus allen Mündern wahrnehmen. Ein Blick zu Ruri verriet ihr allerdings ihre Unsicherheit. Es kam ihr so vor, als wolle die Eisblauhaarige diesen Job lieber nicht übernehmen. Irgendwie verständlich, denn Klassensprecher zu sein erforderte eine Menge Zeit und Verantwortung. Da das Mädchen aber auch schon im Schülerrat vertreten war, hatte sie sicherlich nicht die vorausgesetzte Zeit auch noch diese Aufgabe zu übernehmen.

„Ruhe! Meldet euch bitte, wenn ihr etwas zu sagen habt“, versuchte Herr Nishima die Schüler wieder zum Schweigen zu bringen. Nachdem es wieder still war, fuhr er fort: „Es wäre schön, wenn es noch andere Freiwillige gäbe. Ich glaube Miuna-chan ist durch ihre Arbeit als Schülersprecherin schon genug ausgelastet, findet ihr nicht?“

Deutlich hörbar verschluckte sich der Neuzugang daraufhin an ihrer Spucke und hustete laut. Dies zog für den Moment einige Blicke auf sie.

Hatte die Blauhaarige richtig gehört? Ihre neue Freundin war nicht nur im Schülerrat, sondern sogar gleich die Schulsprecherin?! Ernsthaft?

„Wie wäre es, wenn die Neue die Aufgabe übernimmt?“, meldete sich einer ihrer männlichen Mitschüler, was auf erneute Zustimmung der Klasse stieß. Auserwählte versuchte jedoch dieser Verantwortung direkt wieder zu entkommen: „Wäre es nicht besser, wenn das jemand übernimmt, der keine weiteren Verpflichtungen hat? Ich bin durch mein Stipendium voll auf den Sportclub fixiert und arbeite nebenbei auch noch.“

Während ihre Mitschüler verstimmt dreinblickten, sah der Klassenlehrer diesen Einwand als sinnvoll an: „Ja, es wäre wirklich gut, wenn das jemand übernimmt, der keine weiteren Aufgaben oder Clubaktivitäten hat.“

Kurz überlegte er, wen er auserwählen könnte, als sich Ruri meldete: „Nishima-sensei, ich würde das Amt des Klassensprechers übernehmen, wenn sonst keiner freiwillig möchte.“

Man hörte deutlich die Erleichterung der anderen Schüler, als sich die Eisblauhaarige aus eigenen Stücken meldete. Einzig die Stipendiatin schaute verdutzt zu ihr herüber. Hatte sie nicht eben noch so ausgesehen, als wolle sie die Aufgabe nicht übernehmen? Woher kam plötzlich ihr Sinneswandel?

„Bist du dir sicher, Miuna-chan? Du hast doch schon genug Aufgaben“, hakte der Lehrer nochmal nach, woraufhin er nur eine nickende Zustimmung bekam. „Okay, sehr schön“, schlug er die Hände zusammen, „Wer möchte Stellvertreter sein? Vielleicht ein Junge?“

Erneut zogen alle die Köpfe ein, was den Erwachsenen schwer aufatmen ließ. Sein Blick glitt durch den Saal und blieb schließlich an einem Schüler Hängen: „Yutaka Hazuki. Du bist der Stellvertreter.“

Sofort stand ein größerer junger Mann mit dunkelbraunem strubbligem Haar stramm, versuchte sich aber herauszureden. Natürlich ließ sich der Lehrer von seiner Entscheidung nicht beeinflussen, wodurch Auserwählter völlig entnervt in seinen Stuhl zurücksackte.

Danach dauerte es nicht mehr lange bis es zum Schulschluss klingelte. Sofort eilte die Blauhaarige daraufhin zur neu erwählten Klassensprecherin herüber und überfiel sie regelrecht: „Miuna-chan! Wieso hast du das Amt plötzlich angenommen? Du wolltest das doch gar nicht, oder? Und du bist Schulsprecherin? Wieso wusste ich das nicht? Bist du wahnsinnig so viel Arbeit auf dich zu nehmen?“

Total außer Atem musste Rin daraufhin erstmal wieder Luft holen. Diese Lücke nutzte Angesprochene, um sich kurz zu erklären: „Du hast Recht. Zuerst wollte ich es nicht, aber dann fiel mir ein, dass es gut ist, um Punkte zu sammeln. Außerdem wollte ich nicht, dass es jemandem aufs Auge gedrückt wird, der gar keine Zeit hat.“ „Aber du hast doch auch keine Zeit!“, jammerte die Oberschülerin sie voll. „Mach dir mal keine Sorgen“, lächelte Ruri einfach nur. „Das wird schwer“, legte die Besorgte den Kopf schief, „Trotzdem verstehe ich nicht, wieso du dich so übertrieben reinhängst in all das. Wie kann man freiwillig Schulsprecherin und Klassensprecherin sein? Bist du vielleicht auch noch Jahrgangsbeste, wie in einer Dramaserie?“ „Nein, bin ich leider nicht“, grinste sie schief, „Ich bin nur Zweitbeste. Aber ich muss mich einfach reinhängen, verstehst du?“ „Nicht wirklich“, klatschte sich die Blauhaarige die Hand ins Gesicht, „Wie kann man so perfekt sein? Wo ist der Haken?“

Kurz schwieg die Eisblauhaarige und sah unter sich, während ihr Gegenüber eine Antwort erwartete.

Unwillkürlich konnte die Blauhaarige daraufhin den Gesprächen ihrer aufbrechenden Mitschüler lauschen. Sie vernahm die Unterhaltung zweier Mädchen: „Der Suzuki-Prinz war heute gar nicht da. Ob er vielleicht krank ist?“ „Das wäre ja schrecklich. Hoffentlich ist er morgen wieder da“, antwortet die Andere beim Herausgehen. Auch die Jungs hatten ihren Mitschülerinnen zugehört und fluchten nur: „Der soll ruhig öfters fehlen. Alle Mädels fliegen nur auf ihn, das nervt!“ Ein weiterer stimmte ihm zu: „Wo du Recht hast. Er raubt uns sämtliche Chancen bei den heißen Schnitten.“ „Und das obwohl er damals eine richtig krasse rebellische Phase hatte in der jeder Angst vor dem Kerl hatte“, vernahm die Oberschülerin eine weitere männliche Stimme.

Was redeten die da nur? Und vor allem von wem? Die Blauhaarige musste direkt unwillkürlich an Kuro denken. Dieser konnte jedoch unmöglich als „Suzuki-Prinz“ gelten, da er der totale Rüpel war.

„Dann gibt es an dieser Schule also noch einen anderen Suzuki“, grübelte die Stipendiatin im Stillen, „Ob er wohl mit Kuro verwandt ist? Vielleicht ein Bruder oder Cousin?“

Mittlerweile war der Klassenraum fast schon menschenleer, wodurch eine kurze Stille hereinbrach, die das Mädchen wieder zurück in die Realität katapultierte. Ruri saß immer noch schweigsam da, während Rin nun realisierte, dass sie irgendetwas tun musste. Hatte sie etwa einen Nerv getroffen mit ihrer Aufdringlichkeit? Sollte sie sich nun entschuldigen? Was passierte hier gerade?

„Ähm… t-tut mir leid. Ich bin dir wohl zu nahe getreten“, kratzte sich das Mädchen am Hinterkopf und blickte verlegen in eine andere Richtung. „Nein, nein. Ist schon in Ordnung“, kam es sanft aus der Schweigsamen, „Aber du irrst dich, denn ich bin nicht perfekt. Im Gegenteil. Meine Eltern haben mich in dieser Stadt im Wohnheim einquartiert, weil sie mich hassen. Deshalb versuche ich eine gute Tochter zu sein, damit sie mich nicht mehr abstoßend finden.“

Ein schockierter Blick traf das Mädchen und der neuen Schülerin stockte regelrecht der Atem. Ihre Freundin schien ein ernsthaftes Problem in der Familie zu haben. Es erinnerte sie ein wenig an ihre eigene kaputte Familie. Doch im Gegensatz zu ihr selbst, schien es die Schulsprecherin wirklich sehr zu belasten, dass ihre Eltern sie nicht wahrnahmen.

„Ach das ist doch Blödsinn. Deine Eltern sind durch die Arbeit sicher viel beschäftigt. Und damit es dir trotz allem gut geht, schicken sie dich eben auf diese abgefahren noble Akademie“, legte sie ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. „Danke, Aikawa-chan“, lächelte die Eisblauhaarige bedrückt, „Trotzdem glaube ich das nicht. Aber wenn ich mich anstrenge wird das schon.“ „Sicher?“, erntete sie einen besorgten Blick. „Ja“, erwiderte Ruri gespielt fröhlich, „Nun beeil dich lieber mal. Du willst doch noch in den Club gehen, oder?“

Unsicher ließ sie schlussendlich von ihrer Freundin ab und wandte ihr den Rücken zu, um ihre Schultasche zu holen. Da ertönten plötzlich wieder die ihr bekannten Worte: „I am thou. Thou art I.“

Schlagartig drehte sich die Blauhaarig daraufhin zu der Klassensprecherin herum und durchlöcherte sie förmlich mit ihrem Blick. Angestarrte zuckte nur zusammen durch diese plötzliche Reaktion: „I-Ist alles okay?“ „Äh… J-ja. Sorry“, folgten die Augen der Oberschülerin dem blauen Schmetterling, welcher die Eisblauhaarige zuerst umkreiste und dann davonflog und verblasste. „Ein Social Link?“, murmelte sie nur. „Was ist das?“, wurde sie von der Schulsprecherin nur mit fragenden Augen angesehen. „N-nichts. Vergiss es“, grinste Rin schief und verließ mit einer kurzen Verabschiedung schnell das Klassenzimmer.

Während sie eilig zum Club hechtete, schaltet sie kurz ihr Horo ein, um den neuen Social Link zu begutachten: „Miuna-chan ist also „The Empress“? Die Herrscherin? Wie soll das denn bitte zusammenpassen?“

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Danke fürs Lesen!

Lasst mir gerne eure Meinung da *o*/)

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